Manchmal kommt jemand, über den man im Internet gelesen hat, plötzlich auf einen zu.

In Alnoba kam ein Mann auf mich zu und sagte, er bewundere meine Arbeit. Das hat mich sehr gefreut. Er stellte sich vor — Jesse Lore — und erzählte von seinem Unternehmen Green Wave EV, das Elektroautos verkauft. Da erinnerte ich mich an ihn. Natürlich nicht an sein Gesicht. An seine Geschichte. Ich hatte schon über Jesse gelesen, als ich an einem Artikel über Investitionen in diejenigen arbeitete, die noch gar nicht geboren sind.

Damals suchte ich nach Menschen, die ihr eigenes Geld dafür ausgeben, die Natur zu schützen und geschädigte Landschaften wiederherzustellen. Jesse kam in dem Artikel nicht vor: Seine Arbeit lag außerhalb des Themenbereichs, den ich mir selbst abgesteckt hatte. Und nun stand er vor mir und erzählte von seinem Unternehmen. Es tat mir leid, dass ich seine Geschichte übergangen hatte.

Dann erzählte er, dass sie für jedes verkaufte Elektroauto hundert Bäume pflanzen. Hundert! Ich dachte: Warum sollte das keine Investition in diejenigen sein, die noch gar nicht geboren sind? Den Bäumen ist es doch egal, in welche Kategorie ich den Menschen eingeordnet habe, dem sie ihr Dasein verdanken.

Das war ein bisschen ungerecht: Er hatte sich die Zeit genommen, etwas über meine Arbeit zu erfahren und mit ein paar freundlichen Worten auf mich zuzukommen. Ich wusste von seiner Arbeit — und hatte trotzdem nichts darüber geschrieben.

Das hole ich heute nach. Darf ich vorstellen: Jesse Lore.

Jesse Lore, Gründer von Green Wave EV.Foto: John Benford.Quelle: Green Wave EV — das Team

Green Wave EV verkauft gebrauchte Elektroautos und Plug-in-Hybride und hilft bei der Fahrzeugwahl und beim Laden zu Hause. Dahinter stehen die Jahre, in denen Jesse mit Menschen mit Behinderungen gearbeitet hat, seine Erfahrung als Führungskraft in einem großen Unternehmen und seine Entscheidung, etwas Eigenes aufzubauen. Seine Geschichte begann lange vor seinem ersten Elektroauto. [2, 3]

Das Haus verlassen können

Jesse wuchs in New Hampshire auf. Nach dem College arbeitete er bei gemeinnützigen Organisationen, die Menschen mit Behinderungen unterstützten. Dort bedeutete Mobilität, die nötige Hilfe zu bekommen, Freunde zu sehen und Kontakte zu pflegen. Ohne ein geeignetes Fahrzeug und Unterstützung unterwegs konnte es passieren, dass jemand zu Hause bleiben musste, obwohl es Orte gab, die er besuchen, und Menschen, die er treffen wollte. [2]

Sechs Jahre lang arbeitete Jesse bei Easter Seals in New Hampshire und New York. Er entwickelte ein Schulungsprogramm für Taxifahrer in New York City und Washington, D.C., in dem es um die Unterstützung von Fahrgästen ging. 2012 wechselte er in die Branche für Fahrzeuge, die an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen angepasst sind. Er arbeitete mit Taxiunternehmen sowie kommunalen und regionalen Behörden zusammen, damit mehr rollstuhlgerechte Taxis zur Verfügung standen. [5]

Später wurde er Vizepräsident für Vertrieb und Service bei MobilityWorks. Das Unternehmen verkauft Fahrzeuge für Menschen, die einen Rollstuhl nutzen, und baut Fahrzeuge und Wohnräume barrierefrei um. Zu seiner Arbeit gehörte die Zusammenarbeit mit Veteranenorganisationen, Schulen, Wohlfahrtsverbänden und sozialen Diensten. [5]

Ein Foto aus Jesses Bericht über seine Arbeit für barrierefreie Mobilität.Foto: Green Wave EV.Quelle: Green Wave EV — die Unternehmensgeschichte

Ich finde, bei diesem Teil seiner Biografie sollte man einen Moment verweilen. Hinter den Worten „barrierefreie Mobilität“ stehen ganz gewöhnliche Wünsche: selbst entscheiden, wohin man fährt, sich verabreden, aus dem Haus kommen. Wer in diesem Bereich arbeitet, muss verstehen, wie ein Mensch lebt und welche Hilfe er unterwegs braucht. Genau damit hat Jesse angefangen.

Als Führungskraft gründete er bei MobilityWorks einen Ausschuss für soziale Verantwortung. Er unterstützte unter anderem die Erstattung von Bildungskosten für Beschäftigte, ehrenamtliches Engagement und einen geringeren Energieverbrauch. Sich um die Menschen im Unternehmen zu kümmern, gehörte also schon zu seiner Arbeit, bevor er sich selbstständig machte. [5]

Jesse engagiert sich auch weiterhin für den öffentlichen Verkehr. Von 2022 bis 2024 leitete er den Koordinierungsrat für öffentliche Verkehrsangebote in New Hampshire. Heute vertritt er dort die Wirtschaft. [6]

Zuerst ein Auto für sich selbst

Sein eigener Umstieg auf ein Elektroauto begann mit Fragen, die man sich vor einer größeren Anschaffung stellt: Kann ich mir das leisten? Passt es in meinen Alltag? Jesse machten der Preis und die Reichweite Sorgen. Er war Ford-Fahrzeuge gewohnt, schätzte die vertraute Marke und interessierte sich für den elektrischen Mustang Mach-E. [2]

Vor dem Kauf rechnete er die Kosten für Kraftstoff und Wartung durch und berücksichtigte die damals geltende Steuervergünstigung. Als das Auto beim örtlichen Händler eintraf, fuhr Jesse mit seiner Frau zur Probefahrt. Danach kaufte er es. So kam er 2021 zu seinem ersten Elektroauto. [1, 2]

Ein Elektroauto beim Laden.Foto: Green Wave EV.Quelle: Green Wave EV — die Unternehmensgeschichte

Zu dieser Zeit absolvierte Jesse ein MBA-Studium an der Antioch University. In einem Interview von 2022 erzählte er, dass das Studium seinen Blick auf das ihm vertraute Unternehmen erweitert habe: Wozu war es da, was konnte es noch leisten, und welchen Nutzen konnte es für die Gesellschaft haben? Diese Fragen nahm er mit in seinen Arbeitsalltag und besprach sie mit anderen Führungskräften. [7]

Im Studium wurden drei Seiten eines Unternehmens gemeinsam betrachtet: sein wirtschaftlicher Erfolg, seine Auswirkungen auf die Menschen und auf die Umwelt. Jesse lernte, sie bei unternehmerischen Entscheidungen zusammenzudenken. Der Verkauf, die Arbeit des Teams und die Folgen für die Umwelt wurden zu Teilen eines Ganzen. [7]

Jesse sah eine Chance auf dem Gebrauchtwagenmarkt: Auch Elektroautos werden älter, ihre Preise sinken, und mehr Menschen können sie sich leisten. Darauf wollte er sein Unternehmen aufbauen. [8]

Für mich kommen hier zwei Seiten seiner Erfahrung zusammen. Er wusste bereits, wie viel ein passendes Fahrzeug für einen einzelnen Menschen bedeuten kann. Nun machte er sich selbst mit einer für ihn neuen Art von Auto vertraut — rechnete nach, probierte aus, entschied sich. Aus diesen ganz alltäglichen Fragen entstand die Idee für sein Unternehmen.

Mit dem Vater etwas Eigenes aufbauen

Zunächst schlug Jesse seinem Arbeitgeber vor, gebrauchte Elektroautos zu verkaufen. Neun weitere Führungskräfte arbeiteten mit ihm daran. Ein halbes Jahr lang erstellten sie Finanzpläne, entwickelten eine Marketingstrategie und planten, wie das künftige Geschäft funktionieren sollte. Das Unternehmen lehnte das Vorhaben ab. [8]

Jesse beschloss, auf eigene Faust weiterzumachen. Er kündigte, griff auf seine Altersvorsorge zurück, mietete Räume und sicherte sich eine Kreditlinie. Sein Vater kehrte aus dem Ruhestand zurück und wurde sein Geschäftspartner. [8]

Der Beitrag der Universität schildert einen Moment aus dieser Anfangszeit: Jesse sitzt in den noch leeren gemieteten Räumen und spricht per Video mit seinen Dozenten. Sie hatten sich bereit erklärt, seinen Geschäftsplan durchzusehen und ihm zu helfen, die ersten Jahre zu durchdenken. Im Januar 2023 begannen Jesse und sein Vater, Autos einzukaufen. Im Februar eröffneten sie Green Wave. [8]

Mir gefällt, dass sein Vater aus dem Ruhestand zurückkam, um gemeinsam mit seinem Sohn etwas aufzubauen. Und dass die Dozenten weiterhalfen, als es außerhalb der Universität ernst wurde. [8]

Laut dem Porträt der Universität vom 19. Oktober 2026 hatte Green Wave seit der Eröffnung mehr als 1.500 Fahrzeuge verkauft, und das Team war auf über zwölf Personen gewachsen. Jesse selbst schrieb in seiner Januarkolumne für NH Business Review von rund 500 Verkäufen im Jahr 2025. [8, 9]

Vor dem Kauf verstehen, worauf es ankommt

Heute hat Green Wave zwei Standorte: North Hampton in New Hampshire und Salem in Massachusetts. Das Unternehmen verkauft gebrauchte Elektroautos und Plug-in-Hybride. Kunden bekommen Hilfe dabei herauszufinden, welches Fahrzeug zu ihren Fahrten und Lademöglichkeiten passt. [3]

Auf der Teamseite wird ausführlich beschrieben, was die Beschäftigten lernen. Wie verändert sich die Reichweite im Winter? Was sagt ein Bericht über den Zustand der Batterie aus? Wie lässt sich das Laden zu Hause einrichten? Die Verkäufer werden geschult, bevor sie mit Kunden arbeiten, und bilden sich danach jedes Quartal weiter. Nach eigenen Angaben legt das Unternehmen für jedes gebrauchte Elektroauto einen Batteriebericht vor und hilft, die Angaben zu verstehen. [3]

Die Beschäftigten im Verkauf erhalten keine Abschlussprovisionen. Eine Person begleitet den gesamten Kauf. Im Gespräch geht es um die täglichen Fahrten und darum, ob das Auto am Wohnort geladen werden kann. Auch bei Fragen zur Installation einer Ladestation zu Hause hilft Green Wave. So beschreibt das Unternehmen seine Arbeit auf seiner Website. [3]

Autos und Gespräche mit Besuchern im Verkaufsraum von Green Wave EV.Foto: John Benford.Quelle: Green Wave EV — Startseite

Im Interview mit Granite Goodness verglich Jesse seine Rolle mit der von Hi-Fi-Verkäufern zu einer Zeit, als Käufer sich erst mit neuen Anlagen für zu Hause vertraut machten. Heute möchte er Menschen helfen, Elektroautos zu verstehen. Ihm ist wichtig, dass sie ihre Kaufentscheidung nachvollziehen können und ein gutes Gefühl dabei haben. [12]

Das Kennenlernen der Autos geht über das übliche Verkaufsgespräch hinaus. Im Mai 2025 lud Clean Energy NH zu einer Veranstaltung bei Green Wave ein: zuerst Probefahrten, anschließend ein Energiequiz in der nahe gelegenen Throwback Brewery. Man konnte ein Elektroauto ausprobieren und den Abend mit anderen Menschen verbringen, die sich für das Thema interessierten. [14]

Im Jahr zuvor hatte Green Wave von Clean Energy NH den Small Business NH Energy Champion Award erhalten. 2025 gehörte das Unternehmen bei Recurrent zu den Finalisten der östlichen Region im Programm zur Auswahl der besten Händler für gebrauchte Elektroautos. [13, 14]

Wohnen, Kinder und Arbeit

Was nach Feierabend im Leben der Menschen passiert, beschäftigt Jesse auch als Arbeitgeber. Im Juni 2026 berichtete Tiffany Brewster im New Hampshire Bulletin über ihn. Damals konnte er vier von zwölf Stellen nicht besetzen. [10]

Um Beschäftigte zu halten, bot Jesse zinslose Darlehen für die Mietkaution an und stellte in Aussicht, die Hälfte der Kinderbetreuungskosten zu übernehmen. Doch selbst das reichte nicht: Er verlor trotzdem Mitarbeiter, denen das Leben in der Gegend zu teuer war. [10]

Auch diese Schwierigkeit möchte ich in seiner Geschichte stehen lassen. Ein Arbeitgeber ist bereit zu helfen, doch Wohnen und Kinderbetreuung übersteigen trotzdem die Möglichkeiten einer Familie. Hinter der unbesetzten Stelle werden die alltäglichen Ausgaben eines Menschen sichtbar, der eine Wohnung braucht und jemanden, der sein Kind betreut. [10]

Im Januar desselben Jahres hatte sich Jesse in NH Business Review gegen eine weitere Steuersenkung für Unternehmen ausgesprochen. In seiner Kolumne erklärte er, sein Unternehmen würde dadurch nur sehr wenig sparen. Viel wichtiger seien ihm gute Schulen, bezahlbarer Wohnraum für Berufstätige, Kinderbetreuung und eine verlässliche Infrastruktur im Bundesstaat. [9]

Er schrieb, selbst bei einer größeren Steuersenkung würde er es vorziehen, wenn das Geld in öffentliche Aufgaben flösse. Ob ein Autohaus Menschen einstellen kann, hängt auch davon ab, ob sie sich das Leben vor Ort leisten können. Deshalb betrachtete er Investitionen in Schulen, Wohnraum und saubere Energie als Voraussetzungen dafür, dass sein eigenes Unternehmen wachsen kann. [9]

Zu den veröffentlichten Zusagen von Green Wave gehören ein Lohn, mit dem Vollzeitbeschäftigte ihre grundlegenden Lebenshaltungskosten decken können, Unterstützung bei der Krankenversicherung und bezahlte Zeit für ehrenamtliche Arbeit. Jesse sitzt außerdem im Vorstand von NH Businesses for Social Responsibility, einer Organisation, die Unternehmen zusammenbringt, die sich für soziale Verantwortung einsetzen. [4, 5]

Ein Gruppenfoto im Verkaufsraum von Green Wave EV.Foto: John Benford.Quelle: Green Wave EV — Startseite

Eine Familie macht Hip-Hop

Unter all den beruflichen Biografien gefiel mir besonders die Seite zum Auftritt von Rock Street bei TEDxPortsmouth im Jahr 2019. Rock Street ist eine Familienband, die Hip-Hop macht: Jesse, seine Frau Melissa und ihre beiden Kinder Ruby und Jackson. Beim Auftritt war die Tochter zehn, der Sohn acht Jahre alt. [11]

In der Vorstellung der Band stehen Jesses Position bei MobilityWorks, Melissas Arbeit als Autorin und die Interessen der Kinder nebeneinander. Melissa hatte damals einen Horrorroman mit übernatürlichen Elementen fertiggestellt. Ruby mochte Eiskunstlauf, Karate und Lesen und schrieb selbst Bücher. Jackson begeisterte sich für Sport und alles, was Räder hat. Und die ganze Familie trat gemeinsam mit Hip-Hop auf. [11]

Jesse hatte schon vor der Familienband Musik gemacht. Im Interview mit Granite Goodness erzählte er, dass er gerappt und in New York einem Zusammenschluss von Künstlern und Aktivisten angehört hatte. Neben seiner Arbeit im Verkehrsbereich und als Unternehmer blieb die Musik ein Teil seines Lebens. [12]

Ich stelle ihn mir auch gern in dieser Rolle vor: als Vater, der mit seinen Kindern auftritt. Jeder hat seine eigenen Interessen, und die Musik verbindet sie. Seine Biografie bei Alnoba nennt außerdem Kajakfahren und Skifahren als Hobbys. Auch die beiden Hunde der Familie werden dort erwähnt. [1, 11]

Und dann sind da noch die hundert Bäume

Für 2026 hat Alnoba Jesse als Preisträger des CEO Environmental Leadership Award benannt und damit sein Umweltengagement als Unternehmer gewürdigt. In Alnoba haben wir uns auch kennengelernt. Und ich komme immer wieder auf die hundert Bäume zurück, von denen er mir erzählt hat. [1]

Die Website von Green Wave erklärt, wie dieser Teil der Arbeit funktioniert: Das Unternehmen arbeitet mit One Tree Planted zusammen und bezahlt die Pflanzung von hundert Bäumen im Namen jedes Kunden. Den Kunden entstehen dadurch keine zusätzlichen Kosten. [4]

Ich beschäftige mich mit den Folgen des Kohleabbaus und schreibe oft darüber, was mit Landschaften und Menschen geschieht, wenn Entscheidungen im Interesse des schnellen Gewinns getroffen werden. Deshalb liegt mir viel daran, im Arbeitsalltag auch an die Zukunft zu denken. Bei Jesse zeigt sich das unter anderem darin, dass der Verkauf eines Autos zum Anlass wird, Bäume pflanzen zu lassen.

Ich freue mich, dass Jesse und ich uns kennengelernt haben und ich nun über seine Arbeit schreiben kann. Und die hundert Bäume für jedes verkaufte Elektroauto liegen für mich nicht mehr außerhalb meines Themas. Auch das ist eine Investition in diejenigen, die noch gar nicht geboren sind.